Die 5 apokalyptischen Reiter

Gepostet am Sep 8, 2016 in Gottman, Grundlagen

Die 5 apokalyptischen Reiter

John Gottman stellte überrascht fest, dass die Häufigkeit von Ärger und Streit nichts aussagte über die Zukunft der Beziehung. Bei seiner Analyse kristallisierten sich fünf andere Verhaltensweisen heraus, die Konflikte eskalieren ließen, wenn sie mit Ärger gekoppelt waren. Er nennt sie die fünf apokalyptischen Reiter. Der erste der sogenannten apokalyptische Reiter, bezieht sich auf Kritik. Hier unterscheidet Gottman zwischen einer Beschwerde und einer destruktiven Kritik.

1. Apokalyptischer Reiter: Destruktive (zerstörende) Kritik

Vernichtende Aburteilungen, die nicht auf das Problem, sondern auf den Charakter des Partners zielen.

Jeder Partner beklagt sich irgendwann in der Beziehung einmal über den gewählten Partner. Das ist normal. Es kommt nun darauf auf, ob es eine Beschwerde oder eine destruktive Kritik ist. Bei einer Beschwerde geht es um einen bestimmen Vorfall oder eine Angelegenheit bei der einer der beiden in den Augen des Partners etwas falsch gemacht hat.

Bei destruktiver Kritik kommen Abwertungen und unschöne Äußerungen über den Charakter bzw. die Persönlichkeit des Partners mit ins Spiel.

Hier der Unterschied im Beispiel:

Beschwerde:

„Ich bin verärgert, weil Du gestern Abend den Einkauf nicht mehr erledigt hast. Wir hatten verabredet, dass wir uns abwechseln.“

Destruktive Kritik:

„Immer bist Du so unzuverlässig. Ich hasse es kurzfristig den Einkauf übernehmen zu müssen, wenn ich keinen Einkaufszettel habe und die Läden zum Feierabend so voll sind, nur weil Du mal wieder alles vergessen hast, muss ich es ausbaden. Dir ist das doch total egal.“

Eine Beschwerde konzentriert sich auf ein bestimmtes Verhalten.
Destruktive Kritik lässt die Sache größer erscheinen als sie ist, da Schuldzuweisungen geäußert werden und eine generelle Verurteilung eines Partners eine Rolle spielen.

Laut Gottman, kann man jede Beschwerde zu einer Kritik umformulieren, wenn man folgenden Beisatz anfügt, „Was ist das bloß mit dir?“

Weitere klassische Beispiele für destruktive Kritik:

  • Warum musst du auch immer …?
  • Nie denkst du daran, dass …!
  • Du bist so egoistisch / unsensibel / unzuverlässig / streitsüchtig / usw.

Beachte:

Eine Verhaltensweise, die bei Frauen häufiger vorkommt als bei Männern. ­

2. Apokalyptischer Reiter: Verteidigung

Verteidigung wird durch die Kritik am Partner provoziert. Jeder der sich angegriffen fühlt, reagiert mit einer Abwehrhaltung. Wir verteidigen uns instinktiv. Obwohl dies ein natürlicher Reflex ist, ist die Gefahr groß, dass dieser apokalyptische Reiter nach und nach unsere Beziehung zerstört.
Natürlich hat jeder das Recht sich zu wehren, aber durch eine sofortige Abwehrhaltung dem Partner gegenüber, kann man nicht erkennen was genau den anderen so stört.
Die Wunde will erst einmal versorgt werden. Ob der Partner nun über reagiert hat und ob man sich eventuell damit abfinden kann, darüber kann man auch später noch diskutieren. Wenn man sofort in den Verteidigungsmodus schaltet, gibt man dem Partner das Gefühl, dass man ihn nicht ernst nimmt. In der Hoffnung endlich erhört zu werden, wird der Partner dann noch einen drauf setzen. So wird der Streit mehr und mehr angefacht. In der Hitze des Gefechts knallt man dem Partner einiges an den Kopf, was man später bereut. Daher sollte man erst abwarten, bis sich die Wogen einigermaßen geglättet haben und später darauf zurückkommen. Man sollte natürlich auch nicht den ganzen Ärger tagelang in sich hineinfressen, damit ist keinem geholfen.
Übrigens: eine Verteidigung erkennt man an der Satzkonstruktion „Ja, aber …“ und eine Garantie, den Partner endgültig auf die Palme zu bringen, lautet „Stimmt gar nicht …“.

3. Apokalyptischer Reiter: Verachtung

Die Verachtung ist der gefährlichste der vier Reiter und zeigt sich in Sarkasmus, Ironie, Spott und Zynismus. Ebenso gehören Eigenarten wie, Verfluchen, Augenrollen, Verhöhnen und jegliche Art von respektlosem, abschätzigem Humor dazu.
Egal wie Geringschätzung ausgelebt wird, sie wirkt sich wie ein giftiger Schlangenbiss auf die Beziehung aus. Es ist so gut wie ausgeschlossen, ein Problem zu lösen, wenn der Partner den Eindruck gewinnt, dass er abgelehnt wird.
Dadurch führt Verachtung automatisch zum Konflikt und nicht zur Bereinigung der Situation.

Verachtung wird von lange schwelenden negativen Gedanken über den Partner genährt. Es ist sozusagen das Fass welches vollläuft. Dies geschieht leicht, wenn schwierige Themen nicht gelöst werden, wenn Themen aus dem Weg gegangen wird oder einer der Partner lange alles hinunter schluckt oder in sich hinein frisst.

Deshalb ist es ratsam, Themen die einen belasten oder stören, so schnell als möglich anzusprechen, dann sind sie noch nachvollziehbar und besprechbar, weil sich noch keine negativen Emotionen aufgestaut haben. So reagierst Du bevor sie Dein Fass zum Überlaufen bringen.
Erst die vielen, gesammelten „Kleinigkeiten“, die sich aufstauen, werden problematisch, weil ein kleiner Tropfen, der für den Partner kaum nachvollziehbar ist, plötzlich das Fass zum Überlaufen bringt und mit Verachtung bestraft wird.
Manchmal gab es für ein solches Verhalten auch Vorbilder in der Kindheit und man hat dieses Verhalten unreflektiert übernommen.

Beachte:

Paare, die einander mit Verachtung behandeln, erkranken häufiger an Infektionskrankheiten (Erkältung, Grippe usw.) als andere Menschen.

4. Apokalyptischer Reiter: Mauern od. Rückzug

In einem normalen, unkomplizierten Gespräch zwischen Menschen gibt man sich gegenseitig immer wieder Signale des Verstehens, des Interesses oder des Zuhörens, durch nicken, körperlich zugewandt sein, ein kurzes „ja“, „verstehe“ oder auch „hhmmm“.
Wenn ein Gesprächspartner jedoch mauert, dann gibt er keinen Laut von sich, er sitzt reglos bis unbeteiligt da. Es scheint so als wäre ihm das Gesagte und der Sprechende gleichgültig. Er zeigt keine positiven Signale, eventuell schaut er sogar weg, aus dem Fenster, auf die Uhr oder auf den Boden.
Der Partner zieht sich komplett zurück, schottet sich ab, verlässt den Raum, das Haus oder gibt einfach keine Antwort mehr.

Das Phänomen Mauern tritt gewöhnlich erst im späteren Verlauf einer Ehe auf. Man könnte sagen, es ist die Steigerung zu den vorhergehenden Reitern.

Beachte:

Statistisch gesehen mauern Männer häufiger als Frauen.

5. Apokalyptischer Reiter: Machtdemonstration

Gottman ging ursprünglich von 4 apokalyptischen Reitern aus. Später fiel ihm aber noch einer auf: Machtdemonstration.

Man zeigt mit der Machtdemonstration dem Partner, dass man ab diesem Punkt keine Rücksicht mehr auf ihn nimmt. Was macht den 5. Reiter so gefährlich? Eine gute Beziehung lebt von Kompromissen. Die Machtdemonstration ist das Gegenteil von einem Kompromiss. Man provoziert dadurch Ärger, noch mehr Streit und verletzt seinen Partner. Man signalisiert dem Partner damit, dass man seine Belange nicht mehr ernst nimmt und man sich auch nicht mehr für ihn interessiert. Man wird egoistisch und schadet somit seiner Partnerschaft.