Übung: Beziehungsbriefkästen

Gepostet am Feb 15, 2016 in Alltag, Rituale

Übung: Beziehungsbriefkästen

Die Beziehungsqualität steigt, wenn die Achtsamkeit und Bezogenheit in einer Beziehung erhalten bleibt. Mit dem Beziehungsbriefkasten habt ihr eine Möglichkeit dies zu stärken, indem ihr euch Feedback gebt.

Hier ein Beispiel:

Deine Frau hat heute einen Elternabend und schreibt Dir zuvor noch einen Zettel für Deinen Briefkasten.

Sie macht sich folgende Gedanken:

  • Was ist mir heute aufgefallen was ich ihm zurückmelden könnte?
  • Was fand ich schön?
  • Was tat mir gut?
  • Wovon hätte ich gerne mehr?

Dann schreibt sie Dir einen Zettel für Deinen Briefkasten:

Vielleicht steht folgendes darauf: „Lieber Frank, als du heute früh zu mir unter die Bettdecke gekrochen bist und dich an mich gekuschelt hast, deinen Arm um mich geschlungen, dein Körper mich wohlig wärmte und ich deinen Atem in meinem Nacken spürte, fühlte ich mich auf ganz besondere Weise geborgen und gehalten. Das tat mir sehr gut. Danke dir dafür.“

Du kommst nach Hause,  es ist schon alles still und Du gehst zuerst zum Briefkasten.

Du öffnest den Deckel und hoffst auf eine Nachricht und liest ihn und wahrscheinlich denkst Du: Ja, das gemeinsame Aufwachen und noch einen Moment beieinander liegen, hat mir auch gut getan. Das war ein schöner Start in den Tag

Du freust dich darüber und schreibst zurück.

Nun kommt Deine Frau müde vom Elternabend zurück und schleicht sich als erstes an ihren Briefkasten und findet dort voller Freude Seinen Zettel.

Sie liest ihn vor: „Liebe Elli, ich habe das von dir gerichtete Pausenbrot heute mit besonders lieben Gedanken an dich gegessen, weil du mir diesen lieben *Post it* mit dem gezeichneten Herz und ‚Ich liebe dich noch immer‘ in meine Brotbox gelegt hast. Deine Zettel, einfach so, ohne Anlass verschönern mir meinen Tag. Danke dir dafür.“

Sie kommt zu Dir ins Wohnzimmer und ihr seid voller Freude miteinander. Euer erster Weg, wenn ihr nach Hause komme, führt euch nun zu diesen Briefkästen.

Nehmt euch hin und wieder Zeit und blättert die bereits geschriebenen Zettel durch, bewahrt diese vielleicht in einer Schatzkiste auf. Ihr werdet merken wie gut es euch mit diesen Rückmeldung geht. Im Laufe der Zeit werdet ihr lernen, euch klarer auszudrücken, genau zu beschreiben was ihr empfindet.

Schreibt in „Ich-Botschaften“, erlebt selbst den Unterschied. „Ich-Botschaften“ werden euch beide viel tiefer berühren.

Außerdem fällt euch nun auch im Alltag auf, worüber ihr euch in eurer Beziehung freut und was ihr euch gegenseitig Gutes tut. Das was fast „normal“ geworden ist, rückt wieder in den Mittelpunkt und bekommt erneut Bedeutung.

Regeln, die bei der Rückmeldung an den anderen zu beachten sind:

  • Ausschließlich positive Begebenheiten notieren
  • Ich-Botschaften formulieren
  • Tagesaktuell oder sehr zeitnah
  • Konkret ein nachvollziehbares Verhalten beschreiben
  • Keine Wertungen über das Verhalten, nur was es auslöst

Wenn ihr diese Übung 2 Monate gemacht habt legt eine Pause ein. Sonst ist es nichts Besonderes mehr.

Überlegt euch, ob ihr die Briefkästen zu einem Ritual werden lassen wollt. Ihr könnt sie einmal im Jahr für einen Monat aufstellen. Besonders geeignet ist der Dezember. Im Advent sucht jeder nach schönen Erlebnissen und einer gemütlichen und entspannten Zeit.

Habt ihr Gefallen an der Übung gefunden?

Fällt es euch leichter eure Erlebnisse und Gefühle schriftlich zusammen zu fassen als diese in Worten auszudrücken?

 

Dann hier der Teil für Fortgeschrittene:

Ihr habt viel über euch und  positive Rückmeldung gelernt.

Somit bleiben folgende Regeln bestehen:

  • Ihr bleibt bei den Ich-Botschaften
  • beschreibt das aktuelle Verhalten konkret und nachvollziehbar
  • Ihr lasst alle Wertungen außen vor

Nun die Ergänzung:

  • Konstruktive Kritik

In der gleichen Form wie die positiven Begebenheiten notiert ihr nun eine Kritik, etwas was euch am anderen stört oder euch geärgert hat.

Achtung:

Wenn ihr einen negativen Kritikpunkt mitteilt, dann braucht es an diesem Tag mindestens 3 positive Botschaften zur Kritik dazu.

Das bedeutet, ihr werdet mehr schreiben als bisher und mehr erhalten.

Der große Vorteil ist, dass diese schriftliche Kritik sachlich formuliert wird und überdacht wird durch den Schreibprozess auf der einen Seite.

Auf der anderen Seite kann der Empfänger sich Gedanken dazu machen, wenn er es liest und muss nicht gleich reagieren. Der Empfänger prüft, was Nachvollziehbares daran ist und kann entweder schriftlich oder auch im Gespräch eine Rückmeldung dazu geben, wenn dies notwendig wäre.

Im Alltag ist eine eingestreute Kritik schnell gesagt. Die häufigste Reaktion darauf ist, die Verteidigung oder Rechtfertigung, was gar nicht sein müsste.

Ihr werdet einfach auf dem falschen Fuß erwischt und könnt dadurch berechtigte Kritik nicht annehmen. Ab und zu schießt ihr dann zurück oder ihr zieht euch als „beleidigte Leberwurst“ zurück.

Schriftlich formulierte berechtigte Kritik wirkt sachlicher. Erlaubtes Nachdenken vor einer Antwort, lässt einen Kritik leichter annehmen und einsehen.

Hier ein Beispiel:

Er schreibt: „Ich war heute Morgen spät dran. Es hat mich gefreut, dass du ohne zu überlegen Arbeitstasche, Geldbörse, Schlüssel, Handy und Zugticket für mich gerichtet hast, dass ich in der Hektik nichts vergesse, wie es mir oft passiert. Zum Abschied hast du mich trotz der Eile noch geküsst und ich hatte deinen Duft in der Nase und es wurde mir klar, wie gut ich dich riechen kann. Ich mag es sehr, wenn du mir im Laufe des Tages eine SMS schreibst, einfach weil du an mich denkst. Als ich gestern nach Hause kam, brannte im Wohnzimmer das Licht. Du weißt wie viel Wert ich auf das Stromsparen lege, der Umwelt und unserem Geldbeutel zu Liebe. Ich fände es gut, du würdest in Zukunft etwas mehr darauf achten.“

Bei euch beiden findet wahrscheinlich ein Selbstgespräch statt:

Sie würde denken: Stimmt, das bedeutet ihm ziemlich viel und es nützt ja uns beiden. Ich denke da oft nicht daran, die Lichter aus zu machen, wenn ich aus dem Haus gehe. Das könnte ich mir schon mehr vornehmen. In der Art wie er es geschrieben hat, kann ich es gut nehmen. Hätte er es mir gestern gesagt, als ich so spät nach Hause kam, wäre ich wahrscheinlich genervt gewesen und hätte die Augen verdreht. So kann ich es wirklich besser nehmen.

Er findet in seinem Briefkasten folgenden Zettel:

„Ich fand es schön, dass du mich heute Abend so lange in den Arm genommen hast. Ich freue mich, unseren Geburtstag mit dir zu planen. Ich mag deine Ideen sehr. Dein Einladungsvorschlag gefällt mir total gut. Mich hat die Unordnung heute früh im Bad gestört. Könnten wir bitte besprechen, wie wir dieses Chaos dauerhaft verändern?“

Wahrscheinlich nehmt ihr euch dann in den Arm und könnt euch sagen:

Danke für deine Botschaft, sie ist angekommen. Gerne werde ich das XX in Zukunft mehr beachten.

Diese Art von Rückmeldung kann fast jeder viel besser annehmen. Somit stellt ihr die nervigen Streitereien zwischen Tür und Angel ab, wenn ihr euch etwas an den Kopf werft, was gar nicht so gemeint ist. Diese Beziehungskästen helfen euch, auf dem Weg zur Achtsamkeit und zu neuen Gesprächsmuster.

Zur Erinnerung:

Verwendet die Briefkästen nur in gewissen Phasen, sonst nutzen sie sich ab. Das Besondere geht verloren.

Unser Tipp: Nachdem Du mit dem Beziehungsbriefkasten Stufe 1 und Stufe 2 mindestens 4 Wochen eure Beziehung belebt hast, räumt sie weg.

Jedes Jahr zu einer bestimmten Zeit, eventuell auch im Advent, holt sie wieder hervor und freut euch auf die 4 Wochen intensivem, gegenseitigem Feedback.